Und wenn Putin die Wahrheit sagt?

Ein Beitrag von F. William Engdahl *)

Am 15. März strahlte der staatliche russische Fernsehkanal Rossija-1 eine Filmdokumentation über die Ereignisse der jüngsten Zeit aus, worin unter anderem der Anschluss der Krim an Russland, der von den USA gelenkte Staatsstreich in der Ukraine und die Beziehungen Russlands mit den Vereinigten Staaten und der EU behandelt wurden. Stargast bei der Dokumentation war Präsident Wladimir Putin, der durch seine äußerst offenherzigen Aussagen auffiel. Eine seiner Ausführungen war sogar eine echte politische Bombe.

Putin brachte zunächst seine Ansicht zum Ausdruck, dass der Westen nur an einem schwachen, leidenden und bettelnden Russland interessiert sei, was jedoch mit dem russischen Nationalcharakter völlig unvereinbar wäre. In der Folge erwähnte Putin zum ersten Mal öffentlich eine Tatsache, die dem russischen Geheimdienst zwar schon seit fast zwei Jahrzehnten bekannt war, über die man aber bis jetzt – offenbar in der Hoffnung auf eine Ära besserer russisch-amerikanische Beziehungen – diskretes Stillschweigen gewahrt hatte.

Putin erklärte nämlich, dass der Terror in Tschetschenien und im russischen Kaukasus in den frühen 1990er Jahren aktiv von der CIA unterstützt worden war und dass westliche Nachrichtendienste absichtlich darauf hin gearbeitet hätten, Russland zu schwächen. Er wies darauf hin, dass der russische Auslandsnachrichtendienst FSB eine Dokumentation über die verdeckte Rolle der Vereinigten Staaten angelegt hätte, ging aber nicht auf nähere Einzelheiten ein.

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Was Putin als ehemaliger hochrangiger KGB-Offizier nur andeutete, habe ich in meinem Buch Amerikas heiliger Krieg detailliert dokumentiert. In dem Buch, das auf nicht-russischen Quellen basiert, wird aufgezeigt, dass einflussreiche Kreise in Washington seit vielen Jahren alles daran gesetzt hatten, Russland als souveränen Staat zu zerstören. Dazu gehört unter anderem auch der Staatsstreich in der Ukraine, der im Zusammenwirken mit neonazistischen Kräften verübt wurde, sowie die gravierenden Sanktionen gegen Moskau, die mittlerweile den Charakter eines Finanzkrieges angenommen haben. Im Folgenden einige Auszüge aus dem Buch.

Die Tschetschenien-Kriege der CIA

Nicht lange nachdem die CIA und die vom saudiarabischen Geheimdienst finanzierten Mudschaheddin gegen Ende der 1980er Jahre Afghanistan völlig zerstört hatten, was im Jahr 1989 den Rückzug der Sowjetarmee und einige Monate später die Auflösung der Sowjetunion selbst zur Folge hatte, begann die CIA damit, die von ihr ausgebildeten “afghanischen Araber“ an geeignet erscheinende Orten in der zusammenbrechenden Sowjetunion zu entsenden, um auf diese Weise eine weitere Destabilisierung des russischen Einflusses im postsowjetischen eurasischen Raum zu bewirken.

Die Bezeichnung „afghanische Araber“ stammt daher, dass diese unter ultrakonservativen wahhabitischen Moslems in Saudi-Arabien, den Vereinigten Arabischen Emiraten, Kuwait und anderen Orten in der arabischen Welt, wo der strenge wahhabitische Islam praktiziert wurde, rekrutiert worden waren. Sie waren in den frühen 1980er Jahren von einem saudiarabischen CIA-Rekruten nach Afghanistan gebracht worden. Sein Name: Osama bin Laden.

Als die ehemalige Sowjetunion in totalem Chaos und Unordnung zu versinken drohte, beschloss die Regierung unter Präsident George Bush Senior eine Politik, die am besten umschrieben wird mit „Kick ’em, when they’re down“ (Gebt ihnen noch eins drauf, wenn sie am Boden liegen); dies erwies sich letztlich als ein fatale Fehlentscheidung. Washington schickte seine Terroristen, die in Afghanistan ihre Feuertaufe erlebt hatten, nunmehr in alle Länder Zentralasiens, um sie dort als destabilisierende Kräfte wirken zu lassen, und letztlich sogar nach Russland selbst, das sich aufgrund des wirtschaftlichen Zusammenbruchs während der Jelzin-Ära in einer tiefen traumatischen Krise befand.

In den frühen 1990er Jahren hatte Dick Cheneys Unternehmen Halliburton die Möglichkeiten der Offshore-Öl-Gewinnung in Aserbaidschan, Kasachstan und der Region des gesamten Kaspischen Meeres erkundet. Man sprach von einem “weiteren Saudi-Arabien“ und schätzte die Rohstoffe in der Region auf einen Wert von mehreren Billionen US-Dollar nach heutigen Marktpreisen ein. Die USA und Großbritannien waren entschlossen, dieses Öl-Bonanza mit allen Mitteln von russischem Einfluss freizuhalten. Das erste Ziel Washingtons war, einen Staatsstreich gegen den gewählten Präsidenten Abulfaz Elchibey in Aserbaidschan führen, um stattdessen eine US-Marionette namens Heydar Aliyev einzusetzen, welcher die von den USA kontrollierte Öl-Pipeline Baku-Tiflis-Ceyhan abnicken sollte. Es handelte sich um die „in politischer Hinsicht wichtigste Pipeline der ganzen Welt“, über die das Erdöl aus der Region von Baku in Aserbaidschan über Georgien in die Türkei und zum Mittelmeer transportiert werden sollte.

Die damals einzige existierende Öl-Pipeline aus der Region von Baku war eine russischen Pipeline aus der Sowjet-Ära, die über Dagestan am Kaspischen Meer und durch die tschetschenische Hauptstadt Grosny nach Norden bis hin zum Schwarzmeer-Hafen Noworossijsk verlief. Diese Pipeline war natürlich ein Konkurrent und ein großes Hindernis für die extrem teure alternative Route, die nach dem Willen Washingtons und der britischen und US-Ölkonzerne entstehen sollte.

Präsident Bush Sr. gab daher seinen alten Freunden bei der CIA den Auftrag, diese russische Pipeline quer durch Tschetschenien zu zerstören und im Kaukasus derartige Unruhen auszulösen, dass kein westliches oder russisches Unternehmen es jemals wieder in Betracht ziehen würde, auf die durch Grosny führende russische Öl-Pipeline zurückzugreifen.

Graham E. Fuller, ein alter Kollege von Bush und ehemaliger stellvertretender Direktor des CIA National Council on Intelligence, war einer der Hauptarchitekten der Mudschaheddin-Strategie der CIA gewesen. Fuller beschrieb diese CIA-Strategie im Kaukasus in den frühen 1990er Jahren folgendermaßen: „Die Politik, die Speerspitze des Islam gegen unsere Gegner einzusetzen, hatte in Afghanistan gegen die Rote Armee vortrefflich funktioniert. Die gleiche Doktrin lässt sich auch weiterhin zur Destabilisierung der verbleibenden russischen Macht einsetzen.“

Die CIA bediente sich für diese Operation eines für seine schmutzigen Tricks bekannten Veteranen, der zuvor auch im US-Verteidungsministerium eine Rolle gespielt hatte. Es war General Richard Secord, der bereits während des Vietnamkriegs an verdeckten Opium-Transaktionen der CIA in Laos beteiligt war und in den 1980er Jahren wegen seiner zentralen Rolle im Iran-Contra-Skandal, wo es ebenfalls um illegale Waffen- und Drogentransaktionen der CIA ging, strafrechtlich verurteilt worden war.

Im Jahr 1991 kam Secord nach Baku und gründete dort die MEGA Oil, ein Tarnunternehmen der CIA, sowie eine Fluggesellschaft, welche heimlich Hunderte von Mudschaheddin aus den Reihen von Osama bin Ladens Al-Kaida aus Afghanistan nach Aserbaidschan schleuste. Bis zum Jahr 1993 hatte MEGA Oil bereits 2.000 Mudschaheddin rekrutiert und bewaffnet. Baku wurde von nun an zu einer Basis für die Kaukasus-weiten terroristischen Operationen der Mudschaheddin.

Die von General Secord gelenkten verdeckten Mudschaheddin-Operationen führten auch zu dem oben bereits erwähnten Militärputsch in Aserbaidschan, der die US-Marionette Heydar Aliyev ans Ruder brachte. Ein türkischer Geheimdienstbericht, der der Londoner Zeitung Sunday Times in die Hände gespielt wurde, bestätigte, dass „die beiden Öl-Riesen BP und Amoco, die gemeinsam das Aserbaidschanische Internationale Öl-Consortium (AIOC) bilden, hinter dem Staatsstreich stehen.“

Der Leiter des saudiarabischen Geheimdienstes Turki al-Faisal hatte angeordnet, dass sein Agent Osama bin Laden, den er zu Beginn des Afghanistan-Krieges in den frühen 1980er Jahren nach Afghanistan geschickt hatte, „afghanische Araber“ mittels der Organisation Maktab al-Chidamāt („Dienstleistungsbüro der arabischen Mudschahedin“) [1] für einen zu initiierenden weltweiten „Heiligen Krieg“ rekrutieren solle. Bin Ladens Söldner wurden als Stoßtrupps des Pentagon und der CIA eingesetzt, um moslemische Offensiven nicht nur in Aserbaidschan, sondern auch in Tschetschenien und später in Bosnien zu koordinieren und zu unterstützen.

Bin Laden setzte einem weiteren saudiarabischen Staatsbürger, Ibn al-Khattab, als Kommandeur oder Emir der dschihadistischen Mudschaheddin in Tschetschenien ein, um dem tschetschenischen Kriegsherrn Schamil Bassajew beizustehen. Es spielte dabei überhaupt keine Rolle, dass Ibn al-Khattab kaum ein Wort Tschetschenisch und schon überhaupt kein Russisch verstand. Er wusste, wie russische Soldaten aussahen und wie man sie tötet.

Tschetschenien war traditionell in überwiegendem Maße eine moslemische Gesellschaft, die dem Sufismus zuneigte, also einem gemäßigten und unpolitischen Zweig des Islam. Doch die zunehmende Infiltration von bestens finanzierten, gut ausgebildeten und von den USA unterstützten Mudschaheddin-Terroristen, die den Heiligen Krieg gegen die Russen predigten, verwandelte die zunächst reformistische tschetschenische Widerstandsbewegung grundlegend und führte dazu, dass sich die islamistische Hardliner-Ideologie der Al-Kaida über den Kaukasus verbreitete. Unter der Leitung von General Secord drangen die terroristischen Operationen der Mudschaheddin auch bald bis in das benachbarte Dagestan vor und machten aus Baku einen Versandhafen für afghanisches Heroin, was eine hochwillkommene Einkunftsquelle für die tschetschenische Mafia darstellte.

Ab Mitte der 1990er Jahre zahle Osama bin Laden den tschetschenischen Guerillaführern Schamil Bassajew und Omar ibn al-Khattab das hübsche Sümmchen von mehreren Millionen Dollar pro Monat aus, was in dem wirtschaftlich desolaten Tschetschenien der 1990er Jahre ein fürstliches Vermögen darstellte. Die beiden hatten die Aufgabe, mit dem Geld die gemäßigte tschetschenische Mehrheit zum Schweigen zu bringen. Die US-Geheimdienste blieben weiterhin bis Ende der 1990er Jahre tief im Tschetschenien-Konflikt verstrickt. Laut Yossef Bodansky, dem damaligen Direktor der Task Force für Terrorismus und unkonventionelle Kriegsführung des US-Kongresses, war Washington „an einem weiteren antirussischen Dschihad aktiv beteiligt, indem es die radikalsten antiwestlichen islamistischen Kräfte unterstützte und stärkte.“

Bodansky legte in seinem Bericht die Kaukasus-Strategie der CIA in unverblümter Form offen:

„US-Regierungsbeamte nahmen im Dezember 1999 an einem formellen Treffen in Aserbaidschan teil, in dem bestimmte Programme für die Ausbildung und Ausrüstung der Mudschahedin aus dem Kaukasus, Zentral- und Süd-Asien sowie der arabischen Welt diskutiert und vereinbart wurden, was in der stillschweigenden Ermunterung seitens Washingtons gipfelte, wonach seine moslemischen Verbündeten (vor allem die Türkei, Jordanien und Saudi-Arabien) sowie „private US-Sicherheitsunternehmen“ … die Tschetschenen und deren islamistische Verbündeten dabei unterstützen sollten, sich im Frühjahr 2000 zu erheben und den Dschihad über längere Zeit aufrecht zu erhalten. Der islamistische Dschihad im Kaukasus verfolgt den Zweck, mittels Terroraktionen vonzunehmender Gewalt eine für Russland lebenswichtige Pipeline-Route brachzulegen.“

Die intensivste Phase der Tschetschenienkriege ging erst im Jahr 2000 zu Ende, nachdem die Russen in einer brutalen Militäraktion die Islamisten besiegten. Es war, wie sich herausstellte, ein Pyrrhussieg, der massive Verluste an Menschenleben und die Zerstörung ganzer Städte mit sich brachte. Die genaue Zahl der Todesopfer des von der CIA angezettelten Tschetschenien-Konflikts ist unbekannt. Inoffizielle Schätzungen gehen von 25.000 bis 50.000 Toten und Vermissten aus, hauptsächlich Zivilisten. Die russischen Verluste beliefen sich nach einer Schätzung des „Ausschusses der Soldatenmütter“ auf ca. 11.000.

Die anglo-amerikanischen Ölkonzerne und die CIA-Agenten waren glücklich. Sie hatten bekommen, was sie wollten: die Ölpipeline Baku-Tiflis-Ceyhan, die nun unter Umgehung der über Grosny führenden russischen Pipeline bedient werden konnte.

Die tschetschenischen Dschihadisten unter dem Kommando von Schamil Bassajew führten weiterhin Guerilla-Angriffe in und außerhalb Tschetscheniens durch. Die CIA richtete ihren Hauptaugenmerk von nun an auf die Kaukasusregion.

Bassajews Verbindung mit Saudi-Arabien

Bassajew war eine zentrale Figur in dem von der CIA angezettelten Globalen Dschihad. Im Jahr 1992 traf mit dem saudiarabischen Terroristen Ibn al-Khattag in Aserbaidschan zusammen. Ibn al-Khattab nahm Bassajew von dort nach Afghanistan mit, um ihm seinen ebenfalls aus Saudiarabien stammenden Bundesgenossen Osama bin Laden vorzustellen. Die Aufgabe von Ibn al-Khattab war es, tschetschenische Moslems für den Dschihad gegen die russischen Streitkräfte in Tschetschenien zu rekrutieren; er tat dies ganz im Sinne der verdeckten Strategie der CIA zur Destabilisierung des post-sowjetischen Russlands und zur Sicherung der amerikanisch-britischen Kontrolle über die Energieressourcen im Bereich des Kaspischen Meeres.

Nach der Rückkehr nach Tschetschenien errichteten Bassajew und al-Khattab mit saudiarabischer Finanzierungshilfe die „Internationale Islamische Brigade“ [2]; diese Aktion war von der CIA genehmigt und wurde über den s​audiarabischen Botschafter in Washington Prinz Bandar bin Sultan koordiniert, der zugleich ein Intimus der Bush-Familie war. Bandar, der als Playboy galt, hatte sein Botschafteramt bereits seit mehr als zwei Jahrzehnten inne und war so eng mit der Bush-Familie verbunden, dass ihn George W. Bush „Bandar Bush“ nannte und ihn so zu einer Art Ehrenfamilienmitglied machte.

Bassajew und al-Khattab importierten fortan fanatische islamistische Kämpfer aus dem streng-wahhabitischen Saudiarabien nach Tschetschenien. Ibn al-Khattab übernahm das Kommando über diese „arabischen Mudschaheddin in Tschetschenien“, die den Grundstein für seine Privatarmee aus Arabern, Türken und anderen Islamisten bildeten. Seine Aufgabe war es auch, paramilitärische Trainingslager in der Bergregion Tschetscheniens einzurichten, wo Tschetschenen und Moslems aus den nordkaukasischen russischen Republiken sowie aus Zentralasien militärisch ausgebildet wurden.

Die von Saudiarabien und der CIA gemeinsam finanzierte Internationale Islamische Brigade war indes nicht nur für den Terror in Tschetschenien zuständig. Sie zeichnete auch für die Geiselnahme im Moskauer Dubrowka-Theater im Oktober 2002 und für das grausamen Schulmassaker von Beslan im September 2004 verantwortlich. Im Jahr 2010 veröffentlichte der UN-Sicherheitsrat den folgenden Bericht über die Internationale Islamische Brigade:

Die „Internationale Islamische Brigade“ [2] wurde am 4. März 2003 in die Liste der mit Al-Kaida, Osama bin Laden oder den Taliban in Verbindung stehenden terroristischen Organisationen aufgenommen … welche an der Finanzierung, Planung, Ermöglichung, Vorbereitung oder Begehung von Handlungen oder Aktionen beteiligt sind, die zusammen mit der Al-Kaida, in ihrem Namen, in ihrem Auftrag oder zu ihrer Unterstützung unternommen werden … Die Internationale Islamische Brigade wurde von dem mittlerweile verstorbenen Schamil Bassajew Salmanowitsch gegründet und steht mit dem „Aufklärungs- und Sabotage-Battalion der tschetschenischen Märtyrer Riyadh us-Salichin“ [3] … und dem „Islamischen Regiment zur besonderen Verwendung“ [4] in enger Verbindung …

Am Abend des 23. Oktober 2002 kam es im Zuge einer von den oben genannten Organisationen gemeinsam geplanten Aktion zu der Geiselnahme im Moskauer Dubrowka-Theater, von der mehr als 800 Menschen betroffen waren.

Im Oktober 1999 begaben sich Abgesandte von Bassajew und Al-Khattab zur Heimatbasis von Osama bin Laden in der afghanischen Provinz Kandahar; anlässlich dieses Zusammentreffens erklärte sich Bin Laden bereit, zum Kampf gegen die russischen Truppen und zur Verübung von Terrorakten erhebliche militärische Unterstützung und finanzielle Hilfe zu leisten sowie mehrere hundert Kämpfer nach Tschetschenien zu entsenden. Noch im selben Jahr transferierte Bin Laden beträchtliche finanzielle Mittel an Bassajew, Al-Khattab und an Mowsar Barajew (den Anführer des „Islamischen Regiments zur besonderen Verwendung“); diese Mittel sollten ausschließlich für die Ausbildung von bewaffneten Männern, zur Rekrutierung von Söldnern und für den Kauf von Munition verwendet werden.

Die zwischen Afghanistan und dem Kaukasus eingerichtete „Terror-Schleuse“ der Al-Kaida, welche letztlich vom saudiarabischen Geheimdienst finanziert wurde, hatte zwei Ziele. Das eine Ziel war die von Saudiarabien verfolgte Absicht, den fanatischen wahhabitischen Dschihad in der zentralasiatischen Region der ehemaligen Sowjetunion zu verbreiten. Das andere Ziel war die von der CIA betriebene Agenda der völligen Destabilisierung des bereits im Zusammenbruch befindlichen postsowjetischen Russlands.

Beslan

Am 1. September 2004 nahmen bewaffnete Terroristen der von Bassajew und Al-Khattab angeführten Internationalen Islamischen Brigade mehr als 1.100 Menschen als Geiseln, darunter 777 Kinder; sie wurden in einer Schule Beslan in Nordossetien, einer autonomen Republik der Russischen Föderation im Nordkaukasus in der Nähe der Grenze zu Georgien, gefangen gehalten.

Am dritten Tag des Geiseldramas waren im Inneren der Schule Explosionen zu hören; daraufhin stürmten der russische Geheimdienst FSB und andere russische Eliteeinheiten das Gebäude. Im Zuge dieser Aktion wurden mindestens 334 Geiseln, darunter 186 Kinder getötet; eine erhebliche Anzahl von Menschen wurde verletzt bzw. gilt seitdem als vermisst. Es wurde erst im nachhinein klar, dass die russischen Eliteeinheiten bei ihrer Intervention wenig professionell vorgegangen waren.

Die Washington Propagandamaschine, beginnend von Radio Free Europe bis hin zu New York Times und CNN, versäumte von nun an keinen Augenblick, um Putin und Russland wegen ihrer unqualifizierten Handhabung der Beslan-Krise zu dämonisieren. Über die Verbindungen von Bassajew zur Al-Kaida und zum saudiarabischen Geheimdienst hingegen verloren diese Medien allerdings kein Wort. Was ganz logisch war, denn sonst hätte die Welt ja etwas über die engen Beziehungen zwischen der Familie des damaligen US-Präsidenten George W. Bush und der saudiarabischen Milliardärsfamilie bin Laden erfahren…

Am 1. September 2001, nur zehn Tage vor den Überfällen auf das World Trade Center und das Pentagon, erklärte der Leiter des saudiarabischen Geheimdienstes, der in den USA ausgebildete Prinz Turki bin Faisal Al Saud, der seit 1977 die Position des Geheimdienstchefs bekleidet hatte (also auch während jener Zeit, als unter Osama bin Laden die Mudschaheddin-Operation in Afghanistan und im Kaukasus durchgeführt wurde), plötzlich und unerklärlicherweise seinen Rücktritt, nachdem er nur wenige Tage zuvor vom saudiarabischen König den Auftrag zu einer weiteren Amtsperiode entgegengenommen hatte. Er gab dazu keine Erklärung ab. Stattdessen erhielt sofort eine neue Berufung nach London, fernab von Washington.

Hinweise auf die engen Beziehungen zwischen bin Laden und der Familie Bush wurden aus Gründen der „nationalen Sicherheit“ im offiziellen Bericht der Untersuchungskommission US-Regierung über die Vorfälle vom 11. September 2001 unterdrückt. Auch die Tatsache, dass vierzehn der neunzehn angeblichen Terroristen von New York und Washington saudiarabischer Herkunft waren, wurde im Schlussbericht der Untersuchungskommission nicht erwähnt, obwohl dieser Schlussbericht erst im Juli 2004 von der Bush-Administration freigegeben wurde, also fast drei Jahre nach den Ereignissen.

Bassajew übernahm die Verantwortung für den Terrorakt in Beslan. Eine seiner Forderungen war die vollständige Unabhängigkeit Tschetscheniens von Russland gewesen, eine Forderung, die, wenn sie erfüllt worden wäre, Washington und dem Pentagon einen enormen strategischen Vorteil gegenüber der leicht verletzbaren Südflanke der Russischen Föderation in die Hand gespielt hätte.

Nach dem tragischen Beslan-Drama soll Präsident Wladimir Putin Ende 2004 den russischen Geheimdienst angewiesen haben, eine geheime Such- und Vernichtungsaktion gegen die Führungskader der kaukasischen Mudschaheddin unter Bassajew durchzuführen. Al-Khattab war bereits im Jahr 2002 getötet worden. Die russischen Sicherheitskräfte entdeckten jedoch bald, dass die meisten der tschetschenischen, afghanischem und arabischen Terroristen geflohen waren. Sie hatten Zuflucht gesucht in den NATO-Mitgliedsstaaten Türkei, Aserbaidschan (damals NATO-Mitgliedsanwärter) und Deutschland, sowie in den mit den USA eng verbündeten arabischen Staaten Dubai und Katar. Mit anderen Worten: die NATO hatte den tschetschenischen Terroristen einen sicheren Unterschlupf gewährt.

*) F. William Engdahl ist diplomierter Politologe der Princeton University. Er ist neben seiner Lehrtätigkeit als Strategic Risk Consultant tätig und hat mehrere Bestseller veröffentlicht, die auch ins Deutsche übersetzt wurden, unter anderem über Ölpolitik [5] und Geopolitik [6]; ferner schreibt er regelmäßig für das Online-Magazin „New Eastern Outlook“.

[1] http://de.wikipedia.org/wiki/Maktab_al-Chadamāt, arab. مكتب خدمات المجاهدين العرب
[2] http://en.wikipedia.org/wiki/Islamic_International_Brigade, russ. Исламская международная бригада, arab. اللواء الإسلامي الدولي
[3] http://en.wikipedia.org/wiki/Riyad-us_Saliheen_Brigade_of_Martyrs, russ. Риядус-Салихийн, arab. لواء شهداء رياض الصالحين
[4] http://en.wikipedia.org/wiki/Special_Purpose_Islamic_Regiment, russ. Исламский полк особого назначения, arab. فوج الإسلامية لأغراض خاصة
[5] Mit der Ölwaffe zur Weltmacht. Der Weg zur neuen Weltordnung (Kopp-Verlag, 2006); Es klebt Blut an Euren Händen: Die geheimen Machenschaften der Öl-Multis (FVB, 2012)
[6] China in Gefahr: Wie die angloamerikanische Elite die neue eurasische Großmacht ausschalten will (Kopp-Verlag, 2013); Krieg in der Ukraine (Kopp-Verlag, 2014)

Quelle: http://journal-neo.org/2015/05/15/what-if-putin-is-telling-the-truth/

Beitragsvideo: Крым. Путь на родину (Krim. Heimkehr zum Mutterland) – eine Filmdokumentation von Andrej Kondraschow (2015)