Christian Kern wollte nie Politik machen, sondern Karriere

Bild: SPÖ Presse und Kommunikation via flickr; Bildkomposition: Info-DIREKT;

Nun tritt er also bald ab, der smarte Manager, der viele Jahren in geschützten staatlichen Werkstätten sein Salaire erhielt: Christian Kern.

Von Martin Pfeiffer

Im Mai 2016 holte man den Quereinsteiger von der ÖBB und kürte ihn zum obersten Boss der Genossen. Im fliegenden Wechsel wurde er nach der politischen Entsorgung des blassen Werner Faymann sogar Bundeskanzler und mußte sich – ein Novum in der Geschichte der Zweiten Republik – nicht einmal einer (Nationalrats-)Wahl stellen.

Zu abgehoben für die eigene Wählerschaft

Große Hoffnungen setzten damals die roten Gremien und das schnöde Parteivolk in den eitlen Wiener, dem ein mühevolles Hochdienen in der Parteihierarchie erspart blieb. So fehlt ihm auch der typische sozialdemokratische Stallgeruch. Mit dem einfachen Hackler aus dem Gemeindebau verbindet ihn wenig. Es fehlt schon der Gesprächsstoff am Wahlstandl, sollte sich der rote Christian doch tatsächlich vor Urnengängen einmal dorthin verirren.

Was bedeuten schon demokratische Prozesse, wenn sie der Karriere im Weg stehen…

Kern ging so schnell, wie er gekommen war. Erst hatte man ihn aus dem Hut gezaubert und mit Vorschusslorbeeren überschüttet, nun – nach verlorener Wahl – verdampft er von selbst, nachdem sein baldiger Abgang durch eine Indiskretion aus den eigenen Reihen vorschnell bekanntgemacht wurde. Es war im Herbst 2017 bereits absehbar, dass der faktische Wahlverlierer es nicht lange auf der harten Oppositionsbank aushalten werde. Jetzt gab er sogar zu, dass ihm diese Arbeit nicht so liege, da er lieber selbst gestalte und regiere. Der Manager mit Glaskinn zeigte jedenfalls, dass er von demokratischen Entscheidungsprozessen recht wenig hält, kürte er sich nach seinem angekündigten Abgang als SPÖ-Chef doch gleich selbst zum EU-Spitzenkandidaten seiner Partei. Um einen Eklat zu vermeiden, nickten seine erbosten Parteigenossen dies umgehend ab.

Auf der kleinen Bühne gescheitert, flüchtet Kern nun auf die große

Kern dürfte wie weiland der abgetretene orange Vizekanzler Hubert Gorbach sich gedacht haben: „Austria is too small for me.“ Der Genosse will also nun nach Europa und dort den feinen Mann spielen. Am liebsten würde er natürlich SPE-Chef in Straßburg werden bzw. Don Promillo Jean-Claude Juncker als EU-Oberfuzzi beerben.

Rendi-Wagner ist genauso eine Fehlbesetzung

Dem scheidenden SPÖ-Chef geht es jedenfalls nur um seine Karriere, das Wohlergehen der Partei interessiert ihn dabei kaum. Sonst hätte er seine Genossen nicht so genarrt, indem er praktisch ohne Vorankündigung die Sachen hinschmiss und für einige Tage die SPÖ ins Chaos stürzte. Dass man nun mit der nächsten Quereinsteigerin, Pamela Rendi-Wagner, womöglich denselben Fehler wie 2016 begeht, steht auf einem anderen Blatt. Denn die habilitierte Medizinerin, die gerade nur Akademiker um sich schart, dürfte ebenso wenig Verbundenheit mit dem roten „Proleten“ aus Favoriten oder Ottakring haben wie ihr gescheiterter Vorgänger.

In der Privatwirtschaft wartet niemand auf Kern

Der glücklose Ex-Bundeskanzler hat also eine neue Spielwiese entdeckt und arbeitet in den nächsten Monaten hart daran, möglichst hohe und gutdotierte Posten bei der EU zu ergattern.

Sollte ihm das nicht gelingen, dann muss er eben einige Zeit als SPÖ-Delegationsleiter im Europäischen Parlament seine Brötchen verdienen und dabei nach lukrativeren Posten in der Privatwirtschaft Ausschau halten. Bislang wurde ihm wohl keine passende Stelle dort angeboten, sonst hätte er sich sicher gleich in diese Richtung vertschüsst.

Die Roten schwächeln in ganz Europa

Sein bestens vernetzter Verwandter, Rudolf Scholten, konnte da wohl auch nichts ausrichten. Er ist schon arm dran, der Mr. Mumpitz! Da einige Schwesterparteien der österreichischen Sozialdemokratie im EU-Bereich derzeit genauso schwächeln wie die SPÖ, blickt der scheidende Boss der Genossen mit Sorgenfalten auf der Stirn in Richtung Wahljahr 2019. Denn ein schlechtes Abschneiden der SPE beim Urnengang Ende Mai mindert auch die Chancen des karriereorientierten Wieners.

Über den Autor

Martin Pfeiffer ist promovierter Jurist und Publizist. Nach redaktioneller Tätigkeit bei der Wiener Wochenzeitung „Zur Zeit“ (1999–2003) wechselte er in die Schriftleitung des Grazer Monatsmagazins „Die Aula“, das er bis zur Einstellung im Juni 2018 gestaltete, und wurde 2004 auch Geschäftsführer des Aula-Verlages. Er ist Obmann des „Kulturwerks Österreich“ und tritt als Redner im gesamten deutschsprachigen Raum sowie als Buchautor auf. Martin Pfeiffers „Querschläger“-Kolumne wird nun wöchentlich bei Info-DIREKT erscheinen.

 

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