„Auch Hymnen haben ihr Ablaufdatum“ – Neue Hymne für Oberösterreich?

„Auch Hymnen haben ihr Ablaufdatum“ - Neue Hymne für Oberösterreich?
Foto Denkmal: FPÖ Linz; Bild Ruiss: Manfred Werner (Tsui) via wikipedia.org (CC BY-SA 4.0). Komposition: Info-DIREKT

Die „Interessensgemeinschaft Autoren“ (IG Autoren) mit Sitz in Wien forderte Ende Februar die Neuausschreibung der oberösterreichischen Landeshymne. Der Grund: Franz Stelzhamers Gedicht sei nicht mehr „zeitgemäß“. Zudem würden seine Werke „antisemitische Stereotypen“ beinhalten. Info-DIREKT hat mit dem Geschäftsführer der „IG Autoren“, Gerhard Ruiss, über die Beweggründe dahinter gesprochen.

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„Wer wollen wir sein?“

Info-DIREKT: Herr Ruiss, glauben Sie nicht, wenn Sie sagen, dass die Hymne nicht mehr zeitgemäß ist und auch der Autor der Hymne nicht passt, dass Sie damit vielleicht Sebastian Kurz in die Hände spielen, weil sich der dadurch mit seiner Partei als „vernünftige Mitte-Rechtspartei“ präsentieren kann, da er dann sagen kann „Wir verteidigen unsere Hymne vor solch übertriebenen Angriffen“?


Gerhard Ruiss: [lacht] Nein, solche Überlegungen stellen wir nicht an. Das denken wir nicht einmal. Das ist nicht unser Interesse. Unser Interesse ist, dass wir gesagt haben: Der Text ist aus dem 19. Jahrhundert – unabhängig vom Hintergrund, den wir thematisiert haben. Das eigentliche Ziel ist, dass wir sagen: Denken wir über das Land neu nach! Wer sind wir? Wer wollen wir sein? Wer sind wir jetzt? Wer wollen wir morgen sein? Wer wollen wir übermorgen sein?

Tradition

Info-DIREKT: Eine Hymne macht ja auch die Tradition aus, und Tradition ist eben auch, dass man nicht alle zwei oder zehn Jahre etwas neu macht.

Ruiss: Das ist klar.

Info-DIREKT: Wie schafft man diesen Spagat dann?

Ruiss: Es ist eine Hymne aus den 1950-er Jahren. Die meisten Hymnen sind nach 1945 entstanden. Sie ist gesetzlich als Hymne des Landes offiziell, das könnte auch eine andere Hymne sein. Wir haben ja keine Definitionsmacht, nur die Macht sie in Frage zu stellen… Die Hymne ist ja keine, die eine barbarische ist.

Anstoß zum öffentlichen Diskurs

Info-DIREKT: Die oberösterreichische Landeshymne ist vermutlich die harmloseste, die es gibt.

Ruiss: Ja, das meine ich ja. Darum geht es ja nicht. Es gibt barbarische Hymnen. Wenn man sich die „Marseillaise“ genauer anschaut – da geht es um Mord und Totschlag. Genauso in der italienischen und wahrscheinlich in vielen anderen. Diese verweisen aber auf Geburtsstunden und historische Umstände wie die Zerschlagung der Donaumonarchie. Das tut die oberösterreichische Hymne überhaupt nicht, aber sie ist textlich eine Hymne datiert im 19. Jahrhundert. Die Frage für uns ist gewesen, wenn man diese Zusammenhänge alle herstellt, halte ich es für gescheit darüber nachzudenken. Das kann man ganz umfangreich machen. Das Ergebnis kann auch sein, dass wir sagen: Etwas Besseres bringen wir nicht zusammen. Aber, es könnte sein, dass man sagt, wir wollen etwas ändern. Man muss es ja nicht. Wir entscheiden es ja eh nicht. Das entscheidet die Landesregierung. Das entscheidet von mir aus auch der öffentliche Diskurs.

Info-DIREKT: Ja, den haben Sie ja jetzt angestoßen.

Ruiss: Ja, das ist richtig. Das wollten wir auch, sonst hätten wir es nicht gemacht. Wir wollten, dass das zur Diskussion steht, aber im Übrigen haben wir auch bei der Bundeshymne einen unbequemen Beitrag geleistet. Wir waren damals der Meinung die historische Hymne nicht anzufassen, weil das eine republikanische Hymne war, die nur funktionieren kann, wenn man sie republikanisch lässt. Wenn man sagt, sie sei überholt, was ja nicht unsere Meinung war, dann spricht ja nix gegen eine Neuausschreibung.

Bei der oberösterreichischen Hymne haben wir eine andere Position. Hier gibt es keinen wirklich historischen Grund, wie zum Beispiel die Entstehung des Landes Oberösterreich.

Mündige Verhältnisse statt Unterwürfigkeit

Info-DIREKT: Die Hymne drückt die tiefe Verbundenheit mit der Heimat aus. Ist dies das, was Sie meinen, das nicht mehr zeitgemäß ist?

Ruiss: Nein, das meine ich gar nicht. Aber ich sage Ihnen schon, wo die Kritik ansetzt. Wir leben – hoffe ich jedenfalls – in einer Zeit der Emanzipation der Bürger und Bürgerinnen gegenüber dem Staat oder dem Land und der Politik. Und wenn ich dann in der ersten Strophe schon habe, dass man sein Heimatland so gerne habe wie ein Hunderl seinen Herren, dann meine ich, dass das unzeitgemäß ist. Das Untertanen-Herrschaftsverhältnis war sicher so. Das ist im 21. Jahrhundert aber nicht mehr der Fall. Das meine ich damit und nicht die Verbundenheit mit einem Land – warum soll man die nicht haben? Wir sind allen Ländern, Geburtsorten und Situationen verbunden, das soll man ruhig haben. Im Gegenteil, diese Verbundenheit kann ja auch gesucht sein. Es kann ja auch aus einer Suche herauskommen, dass uns das eigentlich so viel wert und wichtig ist. Tatsache ist aber, dass ich sage, das ist nicht mehr zeitgemäß. Dieses Verhältnis, dass jemand wie ein Hund sein Land liebt, so kann man sein Land nicht lieben. Das ist Unterwürfigkeit. Das ist kein mündiges Verhältnis – weder zum Land noch zu einem Staat, und darum sollte es uns schon gehen, dass wir mündige Verhältnisse haben – zum Staat, zu seinen repräsentativen Einrichtungen und auch zur Heimat.

„Auch Hymnen haben ihr Ablaufdatum“

Info-DIREKT: Noch eine provokante Frage: Sie vertreten ja die Autoren – ist die Kritik an der Hymne vielleicht eine Arbeitsbeschaffung für diese Autoren?

Ruiss: Nein, wenn ich sage Ausschreibung für alle, dann meine ich alle. Ich meine nicht Autoren. Ich habe das auch bei der Bundeshymne gesagt: Eingeladen sollen alle sein nachzudenken, wer wir sind und was wir sein wollen.

Ja nur kein Missverständnis: Die oberösterreichische Hymne ist ja im Dialekt verfasst. Sie ist wahrscheinlich die einzige Dialekt-Hymne, die ich kenne. Das alles ist ganz in Ordnung, das alles ist gut. Es kann und soll sich jeder beteiligen. Es sollen sich alle einbringen können in eine Debatte. Wenn diese nicht geführt werden soll, dann soll sie nicht geführt werden. Ich weiß schon, mit Hymnen ist es immer sensibel, weil es um Geschichte und Verbundenheit geht, das ist mir eh alles klar, aber wissen Sie, ein Beispiel: Wir haben wahrscheinlich – und es gibt sicher welche, die haben getrauert – auch keine Kaiserhymne mehr. Auch Hymnen haben ihr Ablaufdatum. Man kann natürlich sagen, das ist noch nicht erreicht.

Info-DIREKT: Herzlichen Dank für das Gespräch!

Ruiss: Ja, gerne.

 

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