Russland ist ein Teil Europas, die Spaltung geht vom Westen aus

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Unlängst fand in der diplomatischen Akademie in Wien ein Treffen hochrangiger außenpolitischer Experten statt. Diese diskutierten das Verhältnis Deutschlands und Österreichs zu Russland. Info-Direkt war vor Ort. 

Von Friedrich Langberg

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Einen ausführlichen Vortrag zum Thema hielt Horst Teltschik (Bild). Er war Leiter der Münchner Sicherheitskonferenz und außerdem schon außenpolitischer Berater Helmut Kohls. Seine Erfahrungen reichen weit in die Sowjetunion und die Zeit des Kalten Krieges zurück. Dieser historische Horizont ermöglicht es ihm, die aktuelle Situation mit präziser Differenziertheit zu analysieren.  

Russland will keine Spaltung Europas

Russland, so hält er fest, verstehe sich durchaus als Gegengewicht zur „westlichen Dekadenz“. Auch in seiner aktuellen Nähe zu China komme das Bestreben zum Ausdruck, die globale Vormachtstellung des Westens in Frage zu stellen.  

Dass aber Putin das Ziel verfolge, Europa zu „spalten“, sieht Teltschik so nicht. Vielmehr hat er den Eindruck, die Europäische Union schaffe es selbst nicht, zu einer stabilen Einigkeit zu finden. Diese Zerrissenheit schiebe sie nun den Russen in die Schuhe. Er erinnert in diesem Zusammenhang auch die Rede Vladimir Putins, die selbiger in perfektem Deutsch im deutschen Bundestag hielt. In ihr kommt zum Ausdruck, dass Russland sich durchaus als Teil kultureller Teil Europas fühlt: 

„Russland ist ein dynamisches europäisches Land.“

Die Aggression des Westens

Die Feindseligkeit gehe jedenfalls nicht von Russland aus. Die EU und vor allem die NATO waren es, die zügig bis an die russischen Grenzen expandierten. Russland habe darauf immer friedlich reagiert. Bei diesen Ausführungen versuchte ich mir vorzustellen, wie friedlich wohl die USA reagierten, würden russische Truppen sie in Mexiko und Kanada umkreisen.  

Deutscher Atomausstieg ohne Russland nicht möglich

Als Experte der deutschen Innenpolitik verwies er auch auf die wechselseitige Abhängigkeit, die sich aus energiepolitischen Fragen ergäben. Russland sei natürlich abhängig vom europäischen Absatzmarkt für Erdöl und Erdgas. Ebenso aber sind die Länder des Westens auf die Lieferung dieser Rohstoffe angewiesen. Vor allem, betont Teltschik, wenn Deutschland die „Energiewende“, also den totalen Ausstieg aus Atomkraft, wirklich schaffen wolle.  

Bauen auf die kommende Generation

Zum Ende kommend appellierte er an die friedensstiftende Kraft der kommenden Generationen, die unbelastet von den alten Konflikten in die Zukunft gehen könne. Teltschik unterrichtet an der Universität von St. Petersburg.  

„Die jungen Leute, die ich dort sehe, sehen genauso aus wie hier. Es gibt keinen Unterschied. Die gleiche Mode, dieselben Interessen. Es gibt keinen Grund, sie gegeneinander auszuspielen.“  

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