Martin Pfeiffers "Querschläger"-Kolumne

Habsburger-Diplomatie 2.0: Du glückliches Österreich, heirate!

Zu Gast auf Kneissls Hochzeit: Präsident Putin
Bild Hochzeit von Karin Kneissl: Screenshot eines Videos von Russia Today; Bild Österreich-Fahne: pixabay; Bildkomposition: Info-DIREKT

Selten sorgte die Hochzeit eines Mitglieds der österreichischen Bundesregierung für soviel Wirbel in Europa und darüber hinaus wie die Vermählung der parteilosen Außenministerin Karin Kneissl mit ihrem langjährigen Lebensgefährten. Die auf dem blauen Ticket segelnde Chefin des Außenamtes machte ihren großen Tag nicht zu einem schnöden Stelldichein der türkisen oder freiheitlichen Granden oder gar Brüsseler Hofschranzen – nein, Ehrengast war der zweitmächtigste Mann der Welt, der russische Präsident Wladimir Putin.

von Martin Pfeiffer

Alle Achtung, Frau Ministerin, kann man da nur sagen! Denn erstens ist es nicht so leicht, den Kremlherrscher zu einer Hochzeit nach Mitteleuropa zu bekommen, und zweitens wagen es westliche Spitzenpolitiker nur selten, den Erzfeind Brüssels und Washingtons zu sich privat einzuladen.

Der Unterschied zwischen Kneissl und Merkel

In München, Berlin und Brüssel rümpften einige schwarze Politiker – allesamt eingefleischte Atlantiker und verkappte kalte Krieger – die Nase über das „unverantwortliche Verhalten“ Kneissls, das mit den „Werten der EU“ nicht vereinbar sei. Und die BRD-Presse stimmte in den antirussischen Chor ein und geiferte, dass die Einladung des Kremlherrschers „kein kleiner Fauxpas“ gewesen sei. Von Anbiederung war sogar die Rede, wobei dem Auftritt Putins in der Südsteiermark das Treffen der Deutschlandkaputtmacherin Merkel mit dem russischen Präsidenten im sachsenanhaltinischen Merseburg gegenübergestellt wurde. Man darf nur eines nicht vergessen: Kneissl vertritt österreichische Interessen, Merkel die Brüssels.

Die wahnwitzigen Russland-Sanktionen schaden vor allem der Alpenrepublik, insbesondere den zahllosen Unternehmern und Bauern, die ihre Produkte nicht mehr ins Riesenreich im Osten liefern können. Da Moskau seine Krim-Politik nicht ändern wird und der Wiederanschluss der Schwarzmeerhalbinsel an Russland nach einer regulären Volksabstimmung erfolgte, sollten Brüssel und Washington ihre Doppelmoral und ihren Handelskrieg gegenüber Moskau beenden.

Österreich als Drehscheibe zwischen Ost und West

In Wien wurde schon immer kluge Diplomatie einer sinnlosen Machtpolitik vorgezogen. Im „Kalten Krieg“ war die neutrale Alpenrepublik Drehscheibe zwischen Ost und West sowie Hort konstruktiver Diplomatie. Und in der Habsburger Zeit galt der Hexameter-Vers: „Bella gerant alii, tu felix Austria nube!“ (Andere mögen Kriege führen, du, glückliches Österreich, heirate!) 2018 war es die Heirat der Außenministerin, welche Aufsehen erregte. Sie ehelichte zwar keinen russischen Adeligen, lud aber den Herrscher des östlichen Riesenreiches ein.

Über den Autor

Martin Pfeiffer ist promovierter Jurist und Publizist. Nach redaktioneller Tätigkeit bei der Wiener Wochenzeitung „Zur Zeit“ (1999–2003) wechselte er in die Schriftleitung des Grazer Monatsmagazins „Die Aula“, das er bis zur Einstellung im Juni 2018 gestaltete, und wurde 2004 auch Geschäftsführer des Aula-Verlages. Er ist Obmann des „Kulturwerks Österreich“ und tritt als Redner im gesamten deutschsprachigen Raum sowie als Buchautor auf. Martin Pfeiffers „Querschläger“-Kolumne erscheint wöchentlich auf www.info-direkt.eu und im Printmagazin Info-DIREKT.