Lehren aus dem „Prager Frühling“

Benedikt Kaiser: Lehren aus dem Prager Frühling
Bild Prager Frühling: gemeinfrei; Bild Benedikt Kaiser: fr

Am Beispiel Tschechoslowakei 1968 zeigt sich, wie wichtig es ist, die kulturelle Vorherrschaft im Alltag der Menschen zu erringen.

Von Benedikt Kaiser

Politische Prozesse, die sich vollziehen, müssen vorher bereits geistig Form angenommen haben. In modernen Gesellschaften wird, in Anlehnung an Antonio Gramscis Hegemonietheorie, ein Kampf um Begriffe und Begriffsverständnisse ausgetragen. Für jede grundlegend argumentierende Gruppe ist es unverzichtbar, vor einem politischen Wechsel die Deutungsmacht über Begrifflichkeiten und inhaltliche Schwerpunktlegungen zu gewinnen.

Vorarbeiten zum „Prager Frühling“

Die „kulturelle Hegemonie“ geht der „politischen Hegemonie“ und realer politischer Gestaltungsmacht voraus. Und eben dieser Wandel in der Mentalität, im Alltagsverständnis des Volkes, vollzog sich in der Tschechoslowakei in den Jahren 1960 bis 1968. Zunächst wurde dies über Akzentverschiebungen im vorpolitischen, d. h. auch: kulturellen Raum, erreicht. Die später als „Reformer“ bezeichneten Interessengruppen in den Jahren vor dem „Prager Frühling“ leisteten eine herausragende „metapolitische“ Arbeit, also Arbeit im vorpolitischen, kulturellen, gesellschaftlichen Bereich.

Ihre bleibende und beispielhafte Leistung war die Veränderung der Grundstimmungen des Landes von 1960 bis 1968. Es war dies eine Knochenarbeit metapolitischen Bemühens in Universität, Medien und Betrieben, die den Prager Frühling überhaupt ermöglichte. Resonanzräume für eigene Ideen und Begriffe wurden geschaffen, erweitert, umgedeutet. Sie gaben damit das ideelle Startsignal zum Aufbruch.

Diese Architekten der Metapolitik vor dem Prager Frühling – das waren weniger Oppositionelle und schon gar keine Fundamentaloppositionellen, wie man hervorheben muss. Die Architekten waren sozialistische Intellektuelle und Reformer innerhalb der Kommunistischen Partei und ihres loyalen Organisationsnetzwerks. Sie wollten den Resonanzraum nutzen, um einen „Sozialismus mit menschlichem Antlitz“ als Gegenbild zum realsozialistischen System aufzubauen, das sich nicht von allen Überbleibseln der stalinistischen Ära lösen wollte.

Das Ende des Prager Frühlings

Doch die Übernahme relevanter Machtposten in der Praxis scheiterte. Vom 20. auf den 21. August 1968 wurde die Tschechoslowakei von Truppen des Warschauer Paktes um die Sowjetunion besetzt. Einheimische Betonkommunisten, die Angst hatten vor der realpolitischen Wende, die der metapolitischen zu folgen drohte, halfen den Russen.

Bald kontrollierten die Besatzer die Schlüsselstellen des Landes. Sie internierten die tschechoslowakische Parteispitze nahe Moskau und bereiteten die Einsetzung einer loyalen Übergangsregierung vor. Doch der passive Widerstand des Volkes, das in den vergangenen Jahren „metapolitisch“ auf den Wandel vorbereitet worden war, und dessen fehlende Bereitschaft, die eigene Führung zu verraten, zahlte sich – vorübergehend – aus. Der sowjetische Machthaber Breschnew empfing Svoboda, den tschechoslowakischen Staatspräsidenten. Die Situation erlaubte keine Marionettenregierung, und ein Bürgerkrieg wäre einem Fiasko gleichgekommen. So holte man den internierten Dubcek heran, um mit ihm in Verhandlungen einzutreten.

Das Ergebnis in Form des „Moskauer Protokolls“ sah vor, dass Dubceks Gruppe zwar einstweilen im Amt bliebe, aber alle Reformen des Jahres 1968 unter starkem Einfluss des slowakischen Neostalinisten Gustáv Husák (Parteichef ab April 1969) revidiert würden. Das brachte insbesondere die Wiedereinführung der Zensur mit sich.

Verheerend war zum einen die Klausel, dass sowjetische Truppen auf unbestimmte Zeit für eine Normalisierung der Zustände in der Tschechoslowakei sorgen dürften. Verheerend war zum anderen die Roll-back-Verfassungsreform vom 28. Oktober 1968, die das Ende des Prager Frühlings zementierte.

Fanale des Widerstandes

Einzelnes Aufflackern des tschechoslowakischen Protests gegen das repressive Regime von Moskaus Gnaden konnte indes nicht verhindert werden: Legendär ist die Selbstverbrennung des Studenten Jan Palachs vom Januar 1969, die zu – wirkungslosen – Massenprotesten führte. Auch die Selbsttötungen von Jan Zajic (Februar) und Evžen Plocek (April) konnten keine Wende herbeiführen, sondern blieben Fanale des Widerstands auf verlorenem Posten.

 

Wie tief aber der Hass auf die Betonkommunisten in Folge der militärisch beendeten Prager Frühlingsgefühle im tschechischen Volk saß, wurde nicht zuletzt im Zuge der Eishockeyweltmeisterschaft in Schweden deutlich: Nachdem die Tschechoslowakei den „großen Bruder“ UdSSR Ende März 1969 besiegt hatte, kam es im ganzen Land zu Massenausschreitungen gegen sowjetische Einrichtungen. Das Resultat waren weitere Repressalien durch das Husák-Regime.

Trister Überwachungsstaat

1970 und 1971 wurden die letzten Ergebnisse von 1968 rückgängig gemacht: Parteiausschlüsse, Berufsverbote und Vereinsverbote straften alle, die sich aus der Deckung gewagt hatten. Man strafte ebenso all jene, die denen geholfen hatten, die in der ersten Reihe standen. Die letzte Chance auf Änderungen im Rahmen des Bestehenden war endgültig verspielt. Das Regime ging in einem tristen, überwachungsstaatlich geprägten Alltag seinem Untergang im Zuge der „Samtenen Revolution“ von 1989 entgegen.

 

In dieser Revolution der „Wende“ spielten allerdings die Protagonisten von 1968, die von innen heraus das System ändern wollten, keine Rolle. Nun waren liberale, konservative Systemoppositionelle am Zuge. Diese Generation um Václav Klaus und Václav Havel tat sich offenkundig schwer mit den Reformsozialisten. Denn diese blieben letztlich eben doch Sozialisten. Auch wenn sie dem Regime grundlegende Veränderungen in allen relevanten Bereichen – von Justiz bis Ökonomie – auferlegen wollten.

Eine nationale Wiedergeburt

Noch heute verläuft die Rezeption des Prager Frühlings in Tschechien weniger enthusiastisch als im Westen im Allgemeinen und in der Bundesrepublik Deutschland im Besonderen. In Deutschland ist es ausgerechnet der antinational und transatlantisch ausgerichtete Flügel der Linkspartei, der sein Mitteilungsheft „Prager Frühling“ nennt.

Man blendet bei dieser Bezugnahme völlig aus, dass der metapolitische Charakter der tschechoslowakischen Jahre 1960–1968 in den Bereichen technologischer Wandel, Zensurgegnerschaft und nicht-totalitärem Sozialismus untrennbar verbunden war mit einem nationalkulturellen, patriotischen Bewusstseinswandel. Dieser richtete sich gegen imperiale Besatzungspolitik und geistig-theoretische sowie politisch-praktische Fremdherrschaft.

 

Der Prager Frühling wird daher in seinem Ursprungsland explizit als Prozess der Wiedergeburt („obrodný proces“) der beiden Staatsvölker Tschechen und Slowaken genannt. Einer nationalen Wiedergeburt, der man sich im linken deutschen Spektrum um Katja Kipping und Co. wohl kaum verpflichtet weiß. Es war indessen eine „Wiedergeburt“, die in der Tschechoslowakei 1968 ebenso scheiterte, wie sie in Deutschland und Europa 2018 noch nicht zu erwarten ist.

Von der kulturellen und politischen zur Regierungsmacht

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Über den Autor

Benedikt Kaiser,

geboren 1987, ist Politikwissenschaftler, Verlagslektor (Antaios) und Redakteur der Zeitschrift „Sezession“.

 

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