Ein Vortrag von Politologie-Professor Bruce Gilley

Deutscher Kolonialismus: Mehr Segen als Fluch?

Deutscher Kolonialismus: Mehr Segen als Fluch?
Foto: Bruce Gilley (Mitte) mit den beiden AfD-Bundestagsabgeordneten Petr Bystron (links) und Markus Frohnmaier. Bild Afrika: Pixabay.com. Komposition: Info-DIREKT

Bruce Gilley, Professor für Politologie an der Portland University, USA, veröffentlichte 2017 den Aufsatz „The Case for Colonialism“, in dem er sehr fundiert darlegt, wie die Kolonialzeit für viele Länder ein Gewinn war, die danach in eine Spirale aus Gewalt, Armut und Korruption rutschten, die bis heute währt. Damit griff er eines der Steckenpferde der Linken an, die u.a. ihre Politik der offenen Grenzen mit den angeblichen Verbrechen der Kolonialzeit begründen.

Obwohl der Aufsatz in einem anerkannten akademischen Journal erschien, dem „Third World Quarterly“, löste er gewaltsame Proteste und sogar Morddrohungen gegen seinen Verfasser und den Verlag aus. Der Verlag zog den Aufsatz aufgrund „ernstzunehmender Drohungen persönlicher physischer Gewalt“ zurück, obwohl er allen wissenschaftlichen Standards genügte. Gilley ließ sich jedoch nicht einschüchtern. So wurde er zum Vorkämpfer für akademische Meinungsfreiheit. Am 11. Dezember hielt er auf Einladung der AfD-Abgeordneten Markus Frohnmaier (Entwicklungspolitischer Sprecher) und Petr Bystron (Obmann im Auswärtigen Ausschuss) einen Vortrag, den wir hier in gekürzter Form zur Diskussion stellen:

Dieser gekürzte Vortrag von Bruce Gilley ist im Printmagazin Nr. 30 „Vorsicht Mogelpackung! „Die Grundrechte von Menschen afrikanischer Herkunft in Europa““ erschienen, das Sie jetzt kostenlos zu jedem Abo erhalten.

Kolonialhistoriker: Ideologisch voreingenommen

Ich bin kein Historiker, erst recht kein Kolonialhistoriker. Ich bin als Sozialwissenschaftler zu der Überzeugung gekommen, dass das meiste, das von Kolonialhistorikern publiziert wird, nicht einmal den Mindeststandards für wissenschaftliche Arbeit genügt. Es ist ideologisch voreingenommen und teils sogar widersprüchlich. Meine beste Qualifikation, über die deutsche Kolonialgeschichte zu schreiben, ist also die Tatsache, dass ich kein Kolonialhistoriker bin.

Deutsch-Südwestafrika

Beginnen wir mit Deutsch-Südwestafrika, denn sonst wird uns gebetsmühlenartig der Einwand „Was ist mit den Herero?“ entgegenschallen. Also gut, sei’s drum: Was ist mit den Herero? Die deutschen Kolonialisten betraten mit Südwestafrika ein Land, das vor ihrer Ankunft schon in jeder Beziehung anarchisch und brutal war. Vor allem die Konflikte zwischen den Herero und den Nama wegen Weideland und Viehraub drohten ständig zu eskalieren. An einem einzigen Tag, am 23. August 1850, haben die Nama etwa ein Fünftel aller Hereros massakriert, an einem Ort der seitdem den Namen „Mordkuppe“ trägt.

Die deutschen Siedler eilten ihrer Verwaltungsstruktur voraus, was für die Nama und Herero einen plötzlichen Schock statt einer langsamen Entwicklung darstellte. Als sich die Lebensbedingungen für beide Gruppen verschlechterten, rebellierten sie. Dabei kämpften die Nama zuerst mit den Deutschen gegen den Aufstand der Herero, bis sie auch rebellierten.

Der Vernichtungsbefehl

Die Antwort der Deutschen war, zuerst Ordnung wiederherzustellen, bevor man mit Reformen beginnen konnte. Leider fiel diese Aufgabe einem kriegstraumatisierten Außenseiter zu: General Lothar von Trotha. Kaum eingetroffen, erließ von Trotha seinen berüchtigten Vernichtungsbefehl. Nach der brutalen Niederschlagung des Herero-Aufstandes waren 1906 von 80.000 Hereros nur noch 20.000 (25%) am Leben. 

Die ganze Brutalität des Vernichtungsfeldzugs gegen die Herero wurde einzig durch von Trothas Befehl verursacht. Er wurde danach abberufen, angeklagt, verurteilt und seine Politik widerrufen. Als 1910 sein Nachfolger antrat, versprach dieser „unter den Eingeborenen das Vertrauen wiederherzustellen, dass sie vor den Exzessen Einzelner beschützt werden“.

Die Tat eines Einzelnen

Nichts entschuldigt von Trothas Vernichtungsbefehl. Es war jedoch die Fehlentscheidung eines Einzelnen, die zu seiner Abberufung führte und von seinem Nachfolger wieder ausgesetzt wurde. Die deutschen Kolonialherren und die deutsche Politik waren keine Völkermörder, von Trotha war es. Er war ein Kriegsverbrecher.

Deutsch-Ostafrika

Eigentlich sollte die deutsche Kolonialzeit viel eher anhand der Geschichte von Deutsch-Ostafrika beurteilt werden, in der immerhin 54% des deutschen Kolonialismus zu verorten sind, in Lebensjahren ausgedrückt. Warum hören wir jedoch so wenig über Ostafrika, das heute Tansania heißt? Ganz einfach: Weil Deutsch-Ostafrika ein enormer Erfolg war.

1907 schrieb Martin Ganisya, ein befreiter Sklave, der es zum Lehrer an der Missionarsschule in Dar es Salaam brachte: „Der vorherige Zustand der Kolonie war einer des fortgesetzten Unrechts. Jetzt herrscht Frieden allenthalben.“ Bei der Niederschlagung des Maji-Maji-Austandes von 1905 bis 1907 erfreuten sich die Deutschen breiter Unterstützung in der Bevölkerung. Die Post-1907-Reformen läuteten eine Ära des Fortschritts ein, die in der europäischen Kolonialgeschichte in Afrika ihresgleichen sucht.

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Politische Stabilität

Die deutsche Herrschaft brachte Stabilität in eine Region, die zuvor von Stammeskriegen und -feindschaften geplagt war. Einer derjenigen, die von der neuen wirtschaftlichen Attraktivität und politischen Stabilität der neuen Kolonie angelockt wurden, war der Brasilianer Francisco Olympio. Sein Sohn Octaviano bewegte Zech und seine Nachfolger zu politischen Reformen. Franciscos Neffe Sylvanus wurde nationalistischer Anführer und nach der Unabhängigkeit Togos 1961 der erste Präsident. Er wurde 1963 auf der Flucht blutig niedergeschossen, und eine 50-jährige Abfolge von Militärdiktaturen war die Folge. Wer blickte da nicht wehmütig auf die deutsche Kolonialherrschaft zurück? 

 

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Abowerbung, Ausgabe 32