Auch für Kanzler-Kritiker gilt: Erst denken dann posten!

Bild: (C) Freepik; Screenshot von Internetfalschmeldung aus Facebook

Vor allem in der so genannten „rechten Blase“ kursiert seit gestern ein Foto, das Bundeskanzler Kurz mit einem asiatisch wirkenden Mann zeigt. Damit soll auf die jüngste Affäre hingewiesen werden, dass im Lokal eines engen Freundes des Kanzlers eine Drogenrazzia stattfand. Tatsächlich begeben sich alle, die mit solchen Bildern „lustig sein“ wollen, juristisch auf sehr dünnes Eis. Und: Der abgebildete Philipp Rösler hat mit dem Sachverhalt nichts zu tun.

Ein Kommentar von Michael Mayrhofer

Philipp Rösler ist ein deutscher Politiker vietnamesischer Herkunft. Von 2009 bis 2011 war er Bundesgesundheitsminister und von 2011 bis 2013 Bundeswirtschaftsminister, Vizekanzler und Bundesvorsitzender der FDP. Man mag mit Herrn Röslers politischer Arbeit nicht einverstanden sein, aber mit dem Razzia-Skandal rund um einen Wiener Nobelgastronomen hat er nichts zu tun. 

Ein gefundenes Fressen für den politischen Gegner

Manchmal machen es Menschen die vielleicht das Herz am rechten Fleck tragen und ihre Heimat und Tradition bewahren wollen ihren politischen Gegnern am anderen Ende des politischen Spektrums sehr leicht. Solche Bilder zu verbreiten ist ein gefundenes Fressen für die kriminellen Betreiber von anonymen Hetz- und Denunziantenseiten. Zumindest aber wird man auf tendenziösen Seiten von Faktencheckern angeprangert werden. Dort arbeiten Menschen Tag und Nacht daran, um Patrioten in einem schlechten Licht da stehen zu lassen.

Bedienen primitiver Stereotype

Tatsächlich aber ist jemand, der seine Heimat liebt nicht automatisch ein Rassist. Etwas zu lieben bedeutet nicht zugleich, andere Dinge abzulehnen oder gar zu hassen. Das verstehen viele Kritiker des Patriotismus nicht. Umso unbegreiflicher ist es, wenn man ihnen derart scharfe Munition liefert. Hier wird eindeutig das Stereotyp bedient, dass ja „alle Asiaten irgendwie gleich aussehen“. Der Wiener Lokaleigentümer sieht Herrn Rösler aber nicht einmal entfernt ähnlich.

Keinem der Abgebildeten ist Drogenmissbrauch vorzuwerfen

Mit dem Verbreiten eines solchen Bildes mit dem gleichzeitigen Vorwurf des Drogenmissbrauchs bringt man sich gleich doppelt in juristische Bedrängnis. Denn weder wird man Bundeskanzler Kurz einen „Koks“-Missbrauch beweisen können, noch Herrn Rösler, der mit dem aktuellen Skandal nichts zu tun hat. Herrn Bundeskanzler Kurz übrigens auch nicht, denn er war nicht vor Ort anwesend. Sein Verschulden ist es, wenn man so will, mit dem Inhaber freundschaftlich verbunden zu sein. Und auch dieser Inhaber war bei besagter Razzia nicht anwesend, gegen ihn persönlich dürfte rechtlich nichts vorliegen. Die Inhalte dieses Bildes wird man keinem Richter plausibel machen können.

Erst denken, dann verbreiten!

Deshalb meine Bitte an Menschen innerhalb und außerhalb des patriotischen Lagers. Denken Sie lieber dreimal darüber nach, bevor Sie auf „Posten“, „Teilen“ oder „Weiterleiten“ drücken. Oder eine nicht ganz unbekannte Partei steht schnell wieder vor dem Problem, mittels Durchgriffsrecht einige Mitgliedschaften aufzulösen. Und, ganz ehrlich. Wer ohne zu denken einer ihm völlig fremden Person Drogenmissbrauch vorwirft, der hat so einen Ausschluss vielleicht wirklich verdient. Wenn Sie für Heimat und Freiheit eintreten wollen, machen Sie dies bitte etwas sinnstiftender.

Abowerbung, Ausgabe 32