Ist eine naturnahe Landwirtschaft heute noch möglich?

Fotos: Info-DIREKT

In der Corona-Krise spricht alles davon, dass wir zukünftig wieder mehr auf Regionalität setzen sollten. Aber ist ein „Zurück zur Natur“ überhaupt noch möglich, oder sind wir bereits in der Gier des „ewiges Wachstums“ gefangen? Ich bin unterwegs zum Obergeschwendtnerhof der Familie Binder im Hausruckviertel in Oberösterreich, wo ich Antworten auf diese Fragen finden will.

Diese Reportage von Michael Scharfmüller ist im Printmagazin Nr. 32 „Corona-Krise: Eine echte Gefahr für unsere Demokratie!“ erschienen, das Sie jetzt kostenlos zu jedem Abo erhalten.

Familie Binder ist das, was man am Land ohne Neid „fleißige Leute“ nennt. Sabine Binder ist selbstständige Friseurmeisterin und FPÖ-Landtagsabgeordnete. Ihr Mann Hermann ist Gründer und Eigentümer eines Unternehmens, das an mehreren Standorten Metalle zu hochwertigen Produkten verarbeitet. Gemeinsam hat sich das Ehepaar im Jahr 2006 dazu entschlossen einen alten Bauernhof zu kaufen, neu aufzubauen und eine natürliche Landwirtschaft zu betreiben.

Verschwendung von Lebensmitteln

Als ich am Hof ankomme, platze ich ins Mittagessen. Rund um den Tisch sitzen neben den Eheleuten die beiden Töchter, ein Junge, um den sich die Familie kümmert und ein Fleischhacker (Metzger). Schnell stellt Sabine auch für mich einen Teller auf den Tisch. Hermann erzählt, dass er gerade vom Gemüsebauern aus Eferding zurückgekommen sei. Dort habe er Erdäpfel (Kartoffeln) für die Schweine geholt. Mit dieser Schilderung sind wir mitten im Thema. Hermann ärgert sich nämlich, dass die Erdäpfel von Gemüsebauern eigentlich entsorgt oder am Feld liegen gelassen würden, weil sie trotz tadelloser Qualität für den Handel entweder zu groß oder zu klein sind. Zu Hermanns Schulzeit war der Umgang mit Lebensmitteln noch ein gänzlich anderer: „Als ich 1977 in die Hauptschule ging, ist einmal ein Brot in einem Papierkorb entdeckt worden, daraufhin haben die Lehrer zu ermitteln begonnen.

Früher sei überhaupt vieles anders gewesen. Fleischspeisen waren in Hermanns Jugend etwas ganz Besonderes: „Wenn wir einmal im Monat ein Hendl bekommen haben, haben wir uns gefreut!“ Früher hätte sich jeder, der ein paar Quadratmeter Grund hatte, Hühner, Hasen oder eine Sau gehalten, während heute mehr weggeschmissen werde, als damals konsumiert wurde.

Ob die Krise daran wirklich etwas ändern wird, bezweifeln sowohl Sabine als auch Hermann. Nachhaltiges Leben und ein jährliches Wirtschaftswachstum von drei Prozent passen eben nicht zusammen. In diesem Bereich wäre die EU gefordert, endlich dafür zu sorgen, dass Lebensmittel nicht mehr weggeschmissen und technische Produkte kein geplantes Ablaufdatum mehr haben dürfen. „Anstatt wirklich wesentliche Dinge zu regeln, kümmern sich die Herren in Brüssel jedoch lieber um Nebensächlichkeiten, wie die Krümmung von Gurken und die Bräune von Pommes“, bringt  Sabine ein Problem unserer Zeit auf den Punkt.

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Kinder helfen mit

Die Mittagspause ist vorbei. Ich darf die Jugend und den Fleischhacker (Metzger) in den Schlachtraum begleiten. Dort werden heute die Fleischprodukte für den Ab-Hof-Verkauf vakuumiert und für die Kundschaften wie bestellt zusammengestellt. Weggeschmissen oder hochsubventioniert ins Ausland gesandt, wie man es aus großen Schlachthäusern kennt, wird hier nichts. Das ganze Tier wird verarbeitet. Was vom Menschen nicht gerne gegessen wird, wird zu Hundefutter verarbeitet.

Schlachtung direkt am Hof

Die Nachfrage nach Schweine- und Rinderfleisch sei von Anfang an hoch gewesen. Ein Grund dafür ist sicher auch die stressfreie Schlachtung der Tiere direkt am Hof. Bei meinem ersten Besuch am Hof konnte ich zufällig beim Schlachten eines Stiers zusehen. Zuerst wollte ich gar nicht richtig hinsehen, weil ich die furchtbaren Bilder der Fleischindustrie im Kopf hatte. Am Obergschwendtnerhof läuft jedoch alles sehr entspannt ab. Der Weg vom offenen Stall bis zum Schlachtraum ist vielleicht 100 Meter lang. Als der Fleischhacker zur Tat schreitet, macht das friedlich vor sich hinkauende Rind nicht mal muh.

Schweine im Erdstall

Hermann holt mich ab. Wir gehen rauf zu den Schweinen, die in einem Erdstall mit riesigem Auslauf gehalten und jetzt gefüttert werden. Am Weg zu den Schweinen reden wir über das von allen Parteien verkündete Recht eines jeden Österreichers auf sein Schnitzel. Hermann denkt auch, dass es so ein Recht geben könne, die Frage sei jedoch in welcher Häufigkeit. Der momentane Fleischkonsum ist aus Hermanns Sicht zu überdenken. Die heimische Landwirtschaft sei zwar noch in der Lage alle Österreicher gut zu versorgen, aber ein Schwein bestehe nicht nur aus Schnitzelfleisch. Zudem könne die Menge an Fleisch, die derzeit nachgefragt werde, nicht mit artgerechter Tierhaltung erzeugt werden. Ein Beispiel dazu: Am Obergschwendtnerhof werden die freilaufenden Schweine nach ca. 8 Monaten geschlachtet, in herkömmlichen Betrieben werden die Tiere auf engstem Raum gehalten und müssen in vier Monaten ihr Schlachtgewicht erreicht haben – ansonsten ist der Betrieb nicht konkurrenzfähig.

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Keine Neuzugänge, deshalb kaum Erkrankungen

Im Bereich der Rinder führt Familie Binder einen geschlossenen Betrieb. Das bedeutet, dass weder Futter noch Rinder zugekauft werden. Das hat den Vorteil, dass die Herde sehr harmonisch ist und auch keine Krankheiten durch Neuzugänge eingeschleppt werden können. Dadurch ist das Immunsystem der Tiere sehr stabil, wodurch die Wiederkäuer nur äußerst selten einen Tierarzt oder Medikamente brauchen. Als Biobetrieb haben sie den Hof trotzdem nicht klassifizieren lassen. Hauptsächlich, weil man sich die vielen Vorschriften und Kontrollen ersparen möchte, erklärt mir Bauer Hermann.

In Grund statt in Aktien investiert

Nun zeigen mir die beiden die modernen Stallungen und landwirtschaftlichen Geräte. Dass sie neben ihren sonstigen Verpflichtungen auch noch den Hof bewirtschaften können, liege hauptsächlich an der modernen Ausstattung ihres Betriebes, aber auch daran, dass sie sich als Unternehmer die Zeit freier einteilen können.

Mit dem Hof haben sich Sabine und Hermann jede Menge Arbeit gekauft. Das stört die beiden jedoch nicht. Sabine kümmert sich hauptsächlich um das große Haus und den Garten. Das mache sie lieber, als in der Stadt spazieren zu gehen, meint sie und fügt hinzu: „Wenn meine Kolleginnen von der SPÖ und den Grünen wüssten, dass ich auch wirklich sehr heimat- und familienverbunden lebe, würden die bei meinen Reden im Landtag noch viel lauter schreien!“ Hermann hat – wenig überraschend – eine sehr ähnliche Ansicht: „Ich habe niemals in Aktien investiert und ein Penthouse in der Stadt hat mich auch nie gereizt. Ich bin lieber vom Gehen hinter dem Balkenmäher müde als von einem Besuch im Fitnessstudio.“

Weltmarkt als Problem

Zum Abschluss unserer kleinen Hofrunde wird es wieder etwas politischer. Ob sie sich vorstellen können, dass sich ihre Art der Landwirtschaft durchsetze, frage ich das Ehepaar. Das sei schwierig, meinen die beiden. Sie hätten es mit ihrem Hof leichter, weil sie die Investitionen dafür nicht mit dem landwirtschaftlichen Betrieb erwirtschaften mussten. Solange unsere Bauern mit dem Weltmarkt konkurrieren müssten, würde sich die Lage kaum verbessern, ist sich Hermann sicher: „In andern Ländern wird unter gänzlich anderen Bedingungen gearbeitet!“ Damit spricht er die völlig unterschiedlichen klimatischen, sozialen, gesellschaftlichen, steuerlichen und ethischen Unterschiede in anderen Ländern und Erdteilen an. Die Überschwemmung des Marktes mit Billiglebensmitteln sollte beispielsweise durch die Einfuhr von Importzöllen gestoppt werden. Dass sich in diese Richtung etwas ändern wird, glaubt Hermann jedoch nicht: „Von den Menschen, die jetzt in Kurzarbeit sind, werden wohl viele in den nächsten Monaten in die Arbeitslosigkeit schlittern. Die Nachfrage nach billigen Lebensmittel wird dadurch vermutlich steigen, schließlich will niemand auf sein Schnitzel verzichten.“

Die eingangs gestellte Frage ist für mich damit beantwortet: Wir können nachhaltig leben und mit reinem Gewissen Fleisch essen. Damit das möglichst vielen Menschen möglich ist, muss die Politik jedoch für entsprechende Rahmenbedingungen sorgen und wir Bürger unser Konsumverhalten neu überdenken. Weniger ist oft mehr!

 

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