Neuer Gratistest-Skandal? Ungeeignete Produkte aus fraglicher Quelle

Symbolbild: Model freepik @user18526052; Verpackung: Realy Tech; Komposition: Info-DIREKT

Am 26. Mai erschien im Online-Medium Report24 ein investigativer Bericht über die in Österreich eingesetzten Gratistests. Journalisten haben eine Reihe skandalöser Begebenheiten rund um das Produkt recherchiert und stellen viele Fragen zu den Begleitumständen der Kaufentscheidung. Dazu war gestern auch der freie Journalist Florian Machl im Info-DIREKT Podcast zu Gast.

Die Journalisten von Report24 haben herausgefunden, dass das in Österreich für die „Gratistests“ eingesetzte Produkt den Funktionstest durch das deutsche Paul Ehrlich Institut nicht bestanden hat. In Deutschland  sind gewisse Mindestanforderungen bei Antigen-Tests Grundvoraussetzung für staatliche Listung und Verrechenbarkeit mit den Krankenkassen. Es handelt sich um den Novel Coronavirus (SARS-CoV-2) Antigen Rapid Test Cassette (Swab)“ des Herstellers Hangzhou Realy Tech Co., der aktuell für jeden in Österreich krankenversicherten Menschen in Apotheken „gratis“ ausgegeben wird.

Verkaufs-Skandal Ende 2020

Die Anwendung wäre zudem nur Fachpersonal vorbehalten. Dies führte in Deutschland sogar bereits zu einem von Behörden der Stadt Köln ausgelösten Skandal, der Ende des Vorjahres auch in allen deutschen Medien nachzulesen war. Das Produkt wurde illegal an Tankstellen und anderen Verkaufsstellen in den Verkehr gebracht, obwohl es nur medizinischem Fachpersonal vorbehalten sei. Die Behörden sprachen ausdrücklich von „katastrophalen Infektionsfolgen“, die dadurch ermöglicht würden.


Hersteller wird von Ein-Mann-Firma repräsentiert

In Europa wird der chinesische Hersteller von einer Ein-Mann-Firma, der wenig medizinisch klingenden „Luxus Lebenswelt GmbH“ in einem privaten Reihenhaus vertreten. Diese hat im Internet einen verheerenden Ruf, und war vor Corona-Zeiten mit dem Handel mit Babyspiezeug, Schmuck, Tapeten, Fußböden und anderer China-Ware aktiv. Eine medizinische Fachexpertise kann beim besten Willen nicht unterstellt werden. Dies kritisierte ebenso die deutsche Mainstream-Presse bereits Ende des Vorjahres, die dabei auch die Frage stellte, wie man Tests, die auf so wenigen Studienergebnissen beruhen (262 getestete Personen), in den Verkehr bringen kann. Die Frage ist zudem, wie eine Ein-Mann-Firma im Schadensfall jemals Haftungsfragen befrieden könnte.

Fachleute stellen grundsätzliche Eignung in Frage

Die Eignung der Gratistests hinsichtlich der grundsätzlichen Funktionalität wird von Fachpersonal in Frage gestellt. Im Jahr 2020 wies er eine eine klinische Sensitivität von 90,32 Prozent auf. Dies bedeutet unter idealen, sauberen Laborbedingungen und perfekter Abnahme durch Fachpersonal eine Fehlerquote von 10 Prozent. Im „Wohnzimmer“-Umfeld ist von einer viel höheren Fehlerquote auszugehen. Zudem sind in den vom Hersteller präsentierten Studien viele falsch-negative Ergebnisse bekanntgegeben worden, was bedeutet dass tatsächlich Erkrankte nicht sicher detektiert werden. Der heute in Österreich ausgegebene Test behauptet aufgrund einer neuen Studie eine Spezifität von 95,38 Prozent, also immer noch stolze 5 Prozent Fehlerquote bei Idealbedingungen.

Inhaltsangabe, Sicherheitsdatenblatt und Gefahrenhinweise fehlen

In der Anleitung fehlen sämtliche Hinweise auf Inhaltsstoffe, die bei falscher Anwendung und für die Umwelt hochtoxisch sein könnten. Weder wird auf Kleinteile hingewiesen, die durch Kinder verschluckt werden könnten, noch werden die Inhaltsstoffe des für den Analyseprozess notwendigen Detergens beschrieben. Bei vergleichbaren Tests anderer Hersteller zeigt sich, dass diese „Lösungsmittel“ aus einem gefährlichen Giftcocktail bestehen der bleibende Augenverletzungen und Verätzungen verursachen kann, giftig für Menschen und katastrophal für die Umwelt ist. Er müsste eigentlich als Biogefährdungsabfall entsorgt werden. Dieses Detail ist in der spärlichen Produktbeschreibung in einem winzig gedruckten Satz enthalten. Es ist davon auszugehen, dass sowohl die Berge an Plastikmüll als auch die mutmaßlich giftigen Flüssigkeiten überall im Hausmüll entsorgt werden.

Die Kostenfrage – es geht um dreistellige Millionenbeträge

Auch wenn es sich um einen angeblichen „Gratistest“ handelt, kann man maximal behaupten, dass dieser umsonst wäre. Kostenlos ist er nicht, der Steuerzahler wird wohl mit mindestens 100 Millionen Euro, eher mehr belastet werden. Zum Einen die Anschaffungskosten – im Vorjahr kaufte Bundeskanzler Kurz 10 Millionen vom Funktionsprinzip vergleichbare Tests von Roche um 69 Millionen Euro. Bei den Gratistests geht es um knapp 25 Millionen Stück, die demnach über 150 Millionen Euro gekostet haben könnten. Hinzu kommen staatliche Zahlungen an Apotheken und Firmen in der Höhe von 10 Euro pro Testpackung bzw. durchgeführtem Test, was in Summe wiederum einen dreistelligen Millionenbetrag kosten könnte. Der Steuerzahler wird für dieses fragliche Produkt aus fraglicher Quelle also heftig zur Kasse gebeten.

Die gesamte Recherche können Sie hier bei Report24 nachlesen. und in diesem „Info-DIREKT Live-Podcast“ mit Florian Machl und Michael Scharfmüller nachhören:

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