Nationalitätenpolitik: Putin und das schwierige Erbe der UDSSR

Nationalitätenpolitik: Putin und das schwierige Erbe der UDSSR
Bild Putin: By Kremlin.ru, CC BY 4.0, Link

In den ehemaligen Staaten der Sowjetunion schwelen alte Wunden. Einige wurden vor über hundert Jahren aufgerissen und beherrschen bis heute die Schlagzeilen. Der prominenteste Fall: Rußlands Streit mit seinem ukrainischen Nachbarn. Eine verworrene Lage, deren Hintergründe der russische Präsident mit einem eigenen geschichtswissenschaftlichen Beitrag beleuchtet.

Ein Gastbeitrag von Jörg Sobolewski

“Putin droht der Ukraine”, titelte die bundesdeutsche “SZ” im Juli und verweist auf eine geschichtspolitische Schrift des russischen Präsidenten. Darin wirft Putin dem Nachbarn im Süden vor, hundert Jahre zuvor im Rahmen der sowjetischen Nationalitätenpolitik widerrechtlich Territorium erhalten zu haben – die Krim etwa, oder Teile der heutigen Ostukraine. Eine “Infragestellung der ukrainischen Nationalität” so die SZ und zieht als Beweis für die kulturelle Eigenständigkeit ausgerechnet das slawischen Kupala-Fest heran. Eine Art Sommersonnwend die aber sowohl in der Ukraine als auch in Russland oder Weissrussland verbreitet ist. Dieses Fest sei “nicht sehr russisch” schreibt das linksliberale Blatt aus München im Bildtext und liefert damit wider Willen gleich einen Beweis für zwei von Putin in seiner Schrift vertretenen Thesen: Zum Einen, dass die Ukraine mit Russland seit über einem Jahrtausend eine “Schicksalsgemeinschaft” bildet und zum anderen, dass westliche Medien diese Schicksalsgemeinschaft bewusst ignorieren und stattdessen wesentliche Unterschiede zwischen Ukrainern und Russen herbei konstruieren würden.


Korenizatsiya – sowjetische Nationalitätenpolitik

Nun ist ein geschichtspolitisches Memorandum aus der Feder des russischen Präsidenten sicher nicht überparteilich und es gibt gute Gründe die Unterschiede zwischen Ukrainern und Russen für deutlich mehr als nur Makulatur zu erklären aber die eigentliche politische Brisanz steckt im Urheber, den Putin für die aktuelle Lage ausmacht. Verantwortlich seien “die Bolschewisten” gewesen. Im Westen werden nur wenige das Argument nachvollziehen können aber tatsächlich plagen bis heute Entscheidungen aus der Frühphase der Sowjetunion ihre Nachfolgestaaten und das hängt wesentlich mit der “Korenizatsiya”, der sowjetischen Nationalitätenpolitik der zwanziger Jahre zusammen.

Vor hundert Jahren hatten sich die Bolschewisten in einem blutigen Bürgerkrieg gegen jede Opposition durchgesetzt, die das neue Jahrhundert aufbieten konnte. Liberalismus, Klerikalismus, Anarchismus und Monarchismus unterlagen zwischen 1918 und 1920 der neuen Ordnung.

Als letztes Widerstandsnest hielt sich die Krim unter General Wrangel. Der neue polnisch-sowjetische Krieg verschaffte dem begabten Wrangel die Zeit um die Trümmer der weißen Streitkräfte zu reformieren und zu verstärken. Dabei half ihm auch die ethnische Gemengelage auf der Halbinsel. Ein Viertel der Bevölkerung stellten muslimische Tataren, dem atheistischen Bolschewismus ohnehin nicht gut gesonnen. Aber Wrangel konnte auch zurück greifen auf Bevölkerungsteile die sich dezidiert als kosakisch oder ukrainisch begriffen. Dem national gesinnten Wrangel lag eine unabhängige Ukraine – mit oder ohne Krim – so fern wie dem heutigen Präsidenten der Föderation aber nach seiner endgültigen Niederlage und Evakuierung im November zog man in Moskau seine Schlüsse aus den anfänglichen Erfolgen der “Weißen”.

Russifizierungspolitik für Lenin eine Schwäche

Der starke Mann im Kreml, Wladimir Iljitsch Uljanow genannt “Lenin”, erkannte in der Russifizierungspolitik des untergegangenen Zarenreiches eine Schwäche unter der sein ehemaliger Gegner gelitten hatte. Denn weite Teile der Völkerschaften die sich das Riesenreich unter den Zaren einverleibt hatte, begehrten nun auf. Kaukasier, Tscherkessen, Balten und Finnen setzten teilweise erfolgreich ihre Unabhängigkeit durch und auch in der Ukraine gärte es. Kriegsgefangene Ukraine hatten zuvor in den Lagern der Mittelmächte ukrainischen Sprachunterricht erhalten und die mit Rom unierte Ukrainische griechisch-katholische Kirche entfaltete eine eifrige Arbeit gegen die geschwächte Russisch-Orthodoxe Kirche.

Besonders im Westen war die Unterstützung für eine unabhängige, oder wenigstens dezidiert nichtrussische Ukraine groß. Wenn die Bolschewsiten ein erneutes Aufflackern des Nationalitätenstreits verhindern wollten, mussten sie Zugeständnisse machen. Doch der dem Internationalismus tief verbundene Lenin ging noch weiter. Für ihn stellten nationale Befreiungsbewegungen ohnehin eine Zwischenstufe zur sozialistischen Weltrepublik dar und so stellte sich die Sowjetunion an die Spitze der Autonomieforderungen. So wurde in der Ukraine die ukrainische Sprache in Schulen erst gefördert und dann erzwungen, wurden Künstler und Musiker dazu angehalten “ukrainisch – nationale Kunst” zu produzieren, mussten ansässige Russen unter Strafandrohung ukrainisch lernen und selbst eine autokephale orthodoxe Kirche wurde von den atheistischen Bolschewisten anfangs zugelassen und sogar gefördert.

Solange keine echte Machtfrage gestellt wurde, ließ man in Moskau mit sich reden. Als Ergebnis stand 1922 die Gründung der Sowjetunion mit einem komplizierten Gewirr aus Sowjetrepubliken, autonomen Republiken, autonomen Oblasten und Gebieten und schließlich autonomen Kreisen für noch die kleinsten Minderheiten. “Sozialistisch entfaltete Völker” so Lenin, würden schließlich untereinander keine Konflikte kennen, daher schade der Flickenteppich nicht.

Stalin schränkte Nationalitätenpolitik wieder ein

Sein Nachfolger im Amt, Josef Wissarionowitsch – besser bekannt als Stalin – hielt diese Ansicht hingegen für naiv. Der Georgier kannte die zerstörerische Wirkung die nationale Bewegungen in umstrittenen Gebieten haben konnten aus eigener kaukasischer Erfahrung. Nach seiner Machtübernahme schränkte Stalin den Prozess der Korenizatsiya sukzessive ein. Für den Diktator, der auch für die Autonomie seiner georgischen Landsleute wenig übrig hatte, ging es um Stabilität und Funktionsfähigkeit. Wo nötig wurden ganze Völkerschaften umgesiedelt, sofern es einen Zweifel am Gehorsam zum Sowjetsystem gab. Dennoch verlief in der Ukraine die Ukrainisierung für die ersten Jahre der Ära Stalin weiter.

Doch ab 1929 sorgte eine zunehmend brutale und irrationale sowjetische Politik für ein Ende der kulturellen Autonomie. Träger der ukrainischen Nationalität waren neben der städtischen Inteligenz auch eine relativ vermögende ländliche Bevölkerung. Die aber wurde von dem paranoiden Stalin aufs Korn genommen. In der später als “Holodomor” bezeichneten Hungerkatastrophe starben Millionen Menschen vor allem in der Ukraine und die ukrainische Nationalbewegung starb häufig gleich mit. Auch in den übrigen Sowjetrepubliken wurden in den späten dreißiger Jahren die Korenizatsiya offiziell beendet. Im Kaukasus durch Geheimdienstchef Berija selbst, der den mit der Nationalitätenpolitik beauftragten Beamten höchstpersönlich in seinem Büro erschoss.

Landschenkung statt Autonomie

Doch immer wieder sollte sich in der Ukraine Unmut regen über die Behandlung durch das “große russische Brudervolk”. Der Kreml fand darauf eine Antwort, deren Folgen Putin heute beklagt. Statt kultureller und politischer Autonomie sollte die Ukraine mehr Land erhalten. Zwischen 1939 und 1954 erhielt die ukrainische Sowjetrepublik ehemals polnische, slowakische, rumänische und schließlich russische Gebiete. Das Kronjuwel übergab Stalins Nachfolger Nikita Chruschtschow der Ukraine schließlich persönlich. Die Halbinsel Krim wechselte 1954 ihre Zugehörigkeit anlässlich der “dreihundertjährigen Zugehörigkeit der Ukraine zu Russland”. Zu dem Zeitpunkt spielte der Wechsel aber kaum eine ökonomische oder politische Rolle.

Die Sowjetzentralisierung hatte die lokale Autonomie erfolgreich durch eine Abhängigkeit von der Zentrale in Moskau ersetzt. Erst mit der Unabhängigkeit kamen ungelöste Nationalitätenkonflikte wieder auf die Tagesordnung. In Bergkarabach, den baltischen Staaten und in der Ukraine kommt es bis heute zu einer blutigen Erblast des kommunistischen Völkergeschachers.

Kluger Schachzug von Putin

Wladimir Putin hingegen hat zumindest aus einigen Fehlern der Sowjetunion gelernt. Sein Memorandum widmet sich nicht nur über weite Teile in durchaus freundschaftlichem Ton den Ukrainern selber, es erschien auch in ukrainischer Sprache. Ein kluger Schachzug des Hausherrn im Kreml, der sicherlich auch in der Ukraine wohlwollend verstanden wurde.

Über den Autor:

Jörg Sobolewski ist Politikberater und freier Journalist aus Berlin. Sein Schwerpunkt liegt auf der Geopolitik Osteuropas und Südamerikas. Er lebt und arbeitet in Berlin und Brüssel. 

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