Rudolf Taschner, ÖVP-Politiker und außerordentliche Universitätsprofessor in Ruhe, bezeichnete FPÖ-Chef Herbert Kickl in einer Rede im Nationalrat als „unfassbar hellsichtig“. Zudem bewunderte er seine analytischen Fähigkeiten und schwärmte von dessen Redekunst. Eine bemerkenswerte Rede, die von der ÖVP in den sozialen Medien fleißig weiterverbreitet wird.
Ein Kommentar von Michael Scharfmüller„Sie sind ein unfassbar hellsichtiger Mensch mit einer analytischen Sichtweise und können die Dinge genau, in aller Schärfe beschreiben. Das ist wirklich beeindruckend.“
Diese Worte stammen nicht von einem FPÖ-Funktionär, sondern vom ÖVP-Nationalratsabgeordneten Rudolf Taschner. Im Zuge einer Debatte über einen Misstrauensantrag der FPÖ gegen die Bundesregierung hielt Taschner am 15. Oktober eine wahre Lobeshymne auf den FPÖ-Chef mit nur leichten Einschränkungen.
Ein ÖVP-Abgeordneter gerät ins Schwärmen
Taschner bewunderte nicht nur Kickls analytischen Verstand, sondern auch dessen rhetorische Fähigkeiten und Bildung. Besonders beeindruckt zeigte er sich davon, dass Kickl in seinen Reden philosophische Gedanken aufgreift und Hegel zitiert. Als Beispiel nannte er Kickls Rede nach dem Amoklauf in Graz. Taschner dazu:
„Wie Sie da gesprochen haben, war wirklich einzigartig, das war großartig.“
Ohne Mut ist Stil ein eitles Affentheater
Taschners größtes Problem mit Kickl scheint dessen Stil zu sein. An seiner Rhetorik beklagte er einen Hang zur "wütenden und bösen Rede". Kickl würde damit „Konzilianz einem verletzenden Zynismus“ opfern. Dabei mache doch der Stil den Menschen aus. Dass Taschner selbst Stil habe, versuchte er mit diesem Zitat zu untermauern:
„Le style est l’homme même." Der Stil macht den Menschen aus.
Vielleicht hat Taschner recht und der Stil macht tatsächlich den Menschen aus. Stil bedeutet aber nicht, dass man sich hinter feiner Etikette und schlauen Zitaten versteckt. Wahrer Stil bedeutet, die eigene Eitelkeit hinter das Wohl des Volkes zu stellen. Stil hat, wer mit seiner ganzen Person für eine Sache eintritt, die über das eigene Sein hinausragt. Tut man das nicht, werden schöne Reden, gepflegte Manieren, elegante Kleider und teurer Firlefanz schnell zu einer seelenlosen Hülle. Abgesehen davon muss gerade ein Oppositionspolitiker dem Volk aufs Maul sehen und jenen als Sprachrohr dienen, die sich von den etablierten Parteien verraten und verkauft fühlen.
ÖVP oder FPÖ: Wer stiehlt sich wirklich aus der Verantwortung?
Interessant ist auch, dass Taschner eine Plakatkampagne der FPÖ kritisierte, worauf zu lesen stand:
"Euer Wille geschehe!"
Aus Sicht von Taschner würde sich Kickl damit aus der Verantwortung stellen. Wenn der Wille des Volkes geschehe, sei die Politik nämlich aus dem Schneider. Hier zeigt sich, dass es um Taschners eigene analytische Fähigkeiten nicht ganz so gut gestellt ist. In diesem Bereich verhält sich die ÖVP auch ganz anders. Anstatt politisch das umzusetzen, was sich die Mehrheit der Österreicher wünscht und erwartet, gibt die ÖVP immer mehr Kompetenzen nach Brüssel ab. Wenn sich die Österreicher dann über Verschlechterungen aufregen, entgegnet die ÖVP gerne und oft, dass man da leider nichts machen könne, da EU-Regelungen dafür verantwortlich seien. Die eigene Verantwortung für diesen Souveränitätsverlust wird dabei verschwiegen. Mehr dazu auch in diesem YouTube-Reel: Glaubt diesen Heuchlern kein Wort!
Stocker oder Kickl: Wer hat mehr Fortune, Führungskraft und Format?
Aus Sicht von Taschner braucht ein Kanzler folgende Eigenschaften: Fortune, Führungskraft und Format. Bemerkenswerterweise nannte er keine einzige Person aus den eigenen Reihen und auch nicht von der Regierungsbank, die diese erfüllen würde. Er meinte nur, dass man in Sachen Vertrauen bei Kickl "sehr vorsichtig ansetzen sollte". Am Ende seiner Rede forderte er dazu auf, seiner seit 1987 in jeder regulären Regierung vertretenen Volkspartei "immer noch" zu vertrauen:
"Wenn Sie mich fragen, wem man vertrauen sollte, so sage ich immer noch: Vertrauen Sie der ÖVP!"
Ohne es zu merken: ÖVP macht Werbung für Kickl
Die grüne Abgeordnete Heike Zorba kommentierte die Lobeshymne Taschners auf Kickl übrigens mit dem Zwischenruf:
„Schreib ihm einen Liebesbrief! Was ist das?“
Anders als die Grünen und wir bei Info-DIREKT hat die ÖVP Taschners Rede offenbar als scharfe Kritik an Kickl wahrgenommen. Deshalb hat die Volkspartei Taschners Ausführungen im Nationalrat eifrig beklatscht und Ausschnitte davon auch auf den eigenen Social-Media-Kanälen veröffentlicht, beispielsweise hier und hier.
Die ganze Rede Taschners kann hier nachgesehen und hier nachgelesen werden.






